Dieses Dokument legt die fachliche und strategische Begründung der Initiative «Blaue Landwirtschaft Schweiz» dar. Es ordnet die vorhandenen Schweizer Arbeiten ein, beschreibt die weiterhin offene nationale Entscheidungs- und Umsetzungslücke und begründet, weshalb eine unabhängige Tragfähigkeitsstudie der nächste sachlich notwendige Schritt ist.
Das Positionspapier dient der Legitimation gegenüber Wissenschaft, Behörden, Produzenten, Marktpartnern, Finanzierungsinstitutionen und möglichen Trägern. Es ist kein Vorentscheid für bestimmte Technologien, Produktionsmengen oder Investitionen. Gerade diese Fragen sollen durch die Studie ergebnisoffen geklärt werden.
Es ergänzt das separate Manifest 2026: Das Manifest formuliert Haltung, Verantwortung und Einladung; dieses Positionspapier dokumentiert die Faktenlage und begründet den vorgeschlagenen nächsten Schritt.
1.Ausgangslage: eine strukturelle Abhängigkeit
Die hohe Importabhängigkeit der Schweizer Fischwirtschaft ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis eines Markts, in dem Produktion, Verarbeitung, Handel, Gastronomie, Forschung, Finanzierung und Politik zu wenig als zusammenhängendes System entwickelt werden. Hohe Produktions- und Investitionskosten, komplexe Bewilligungswege, begrenzte Skalierung, fehlende gemeinsame Marktkommunikation sowie Abhängigkeiten bei Futter, Eiern und Setzlingen erschweren den Ausbau.
Der internationale Handel schliesst die Versorgungslücke effizient, solange Lieferketten, Preise und politische Rahmenbedingungen stabil bleiben. Für die Schweiz entsteht daraus jedoch ein Resilienzproblem: Ein erheblicher Teil der Wertschöpfung fliesst ins Ausland, während im Inland Produktionskapazitäten, Know-how, Verarbeitung und Investitionsbereitschaft nur begrenzt wachsen.
Die Importabhängigkeit von rund 95 Prozent bezieht sich auf den Gesamtmarkt von Fisch und Meeresfrüchten. Bei einzelnen Segmenten, insbesondere beim Süsswasserfisch, liegt der Inlandanteil deutlich höher. Die Tragfähigkeitsstudie muss diese Märkte sauber unterscheiden und eine aktuelle, gemeinsam anerkannte Datengrundlage schaffen.
2.Vorhandene Grundlagen der vergangenen 10 Jahre
Die Initiative beginnt nicht bei null. Seit 2017 wurden in der Schweiz wichtige fachliche, marktbezogene, organisatorische und ökologische Grundlagen erarbeitet. Die folgende Auswahl konzentriert sich auf Arbeiten mit nationaler oder sektorübergreifender Bedeutung.
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2017 Bundesamt für Landwirtschaft (BLW)
«Fische und Landwirtschaft»
Der Bericht untersuchte die mögliche Entwicklung der Fischhaltung auf landwirtschaftlichen Betrieben. Er behandelte Produktionsformen, wirtschaftliche Voraussetzungen und raumplanerische Grenzen. Hohe Investitionskosten, Rentabilitätsdruck, begrenzte Artenwahl und die indirekte Futtermittelabhängigkeit wurden als zentrale Fragen sichtbar. [1]
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2018 BFH-HAFL: Esther Hidber, Thomas Janssens, Martin Pidoux und Franziska Götze
«Schweizer Fisch: Analyse der Wertschöpfungskette»
Die durch das BLW unterstützte Analyse bildete den Schweizer Fischmarkt auf Basis der Daten von 2016 ab. Sie ermittelte Marktpotenziale, erstellte eine Wertschöpfungskarte und hielt fest, dass eine Organisation fehle, welche Akteure entlang der Wertschöpfungskette verbindet, die Vermarktung fördert, Transparenz schafft und Branchenbedürfnisse gegenüber der Politik vertritt. [2]
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2018 BFH-HAFL: Franziska Götze, Esther Hidber und Thomas Janssens
«Fischkonsum: Motive und Kaufbarrieren»
Die Untersuchung ergänzte die Marktanalyse um die Konsumentensicht. Sie zeigte, welche Motive beim Fischkauf wirken, wo Kaufbarrieren liegen und welche Bedeutung Herkunft, Qualität und Vertrauen für Schweizer Fisch haben. [3]
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2020 BFH-HAFL und ZHAW im Auftrag des BLV
«Aufbau einer Koordinationsstelle für die Schweizer Aquakultur»
Thomas Janssens, Luca Regazzoni und Fridolin Tschudi analysierten die Situation der Aquakulturbranche und entwickelten Szenarien für eine nationale Koordinationsstelle. Die Bedürfnisabklärung bestätigte: Die Branche ist klein und wachsend, aber schwach organisiert; Synergien werden zu wenig genutzt, Produktionskosten sind hoch und eine stärkere Professionalisierung ist notwendig. [4]
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2021–2023 BFH-HAFL und ZHAW, unterstützt durch die Bundesverwaltung
Folgeprojekt zur Koordinationsstelle Aquakultur Schweiz
Die Folgephase konzentrierte sich auf ein Informationsportal, Aufgaben- und Schnittstellenkoordination sowie Beratungsangebote. Tiergesundheit, Tierwohl, Nachhaltigkeit, Technologie, Forschung, Ökonomie, Marketing, Fischernährung und Recht wurden zusammengeführt. [5]
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2022 ZHAW im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (BAFU)
«Ökofaktoren für marine Fischressourcen in Ökobilanzen»
René Itten und Matthias Stucki entwickelten eine differenzierte Methode zur Bewertung mariner Fischressourcen. Fangregion, Beifang, Rückwurf sowie der Einsatz von Fischmehl und Fischöl in der Aquakultur werden berücksichtigt. [6]
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Fortlaufend ZHAW-Forschungsgruppe Aquakultursysteme und weitere Hochschul- und Praxispartner
Technische Forschung, Ausbildung und Wissenstransfer
In Kreislaufanlagen, Aquaponik, Wasserqualität, Reststoffnutzung, Fischgesundheit, Tierwohl, Digitalisierung und Ausbildung wurde erhebliches Fachwissen aufgebaut. Diese Kompetenz ist unverzichtbar, ersetzt aber keine nationale Markt-, Investitions- und Umsetzungsperspektive. [7]
Die Schweiz verfügt über wertvolle Einzelanalysen, technische Kompetenz und erste Koordinationsstrukturen. Auffällig ist jedoch, dass zentrale nationale Markt- und Strukturarbeiten aus den Jahren 2017, 2018 und 2020 stammen, während die Importabhängigkeit und viele damals beschriebene Entwicklungshemmnisse weiterhin bestehen.
Das ist kein Vorwurf an die beteiligten Institutionen. Im Gegenteil: Ihre Arbeiten haben die Probleme früh erkannt und die fachliche Basis gelegt. Die offene Aufgabe liegt nun in der gemeinsamen Aktualisierung, Priorisierung, Finanzierung und Umsetzung.
3.Die strategische Lücke im Jahr 2026
Was bislang fehlt, ist eine aktuelle, unabhängige und gesamtheitliche Tragfähigkeits- und Machbarkeitsstudie, die die vorhandenen Erkenntnisse in eine belastbare nationale Entscheidungsgrundlage übersetzt. Sie muss nicht nur fragen, ob mehr Schweizer Fisch produziert werden kann, sondern unter welchen Bedingungen sich dies technisch, wirtschaftlich, ökologisch, gesellschaftlich und politisch tatsächlich lohnt.
Die Tragfähigkeitsstudie muss insbesondere klären:
- Markt und Zahlungsbereitschaft: Besteht eine ausreichende Nachfrage nach nachhaltig in der Schweiz produziertem Fisch, und welchen Preis akzeptieren die Konsumentinnen und Konsumenten?
- Wirtschaftliche Tragfähigkeit: Unter welchen Produktionsmengen, Kosten und Verkaufspreisen können rentable Betriebe entstehen?
- Investitionsfähigkeit: Welche Investitionen sind erforderlich, welche Risiken bestehen und welche realistische Rendite kann Kapitalgebern angeboten werden?
- Volkswirtschaftlicher Mehrwert: Welches Potenzial besteht für zusätzliche Wertschöpfung von bis zu CHF 45 Mio., neue Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und regionale Wirtschaftskreisläufe?
- Ökologische Tragfähigkeit: Wie wirken sich die Produktionsmodelle auf Wasser, Energie, Futtermittel, Klima, Biodiversität und Stoffkreisläufe aus, und welchen Beitrag leisten sie zu den Zielen der Agenda 2030?
- Produktion, Produkte und Qualität: Welche Fischarten, Produktionssysteme, Standorte und Produktformen sind technisch realisierbar, ressourceneffizient, tiergerecht und gesundheitlich beziehungsweise qualitativ vorteilhaft?
- Rechtliche Rahmenbedingungen: Welche gesetzlichen, raumplanerischen und bewilligungsrechtlichen Voraussetzungen bestehen, und wo sind Anpassungen notwendig?
- Skalierung und Umsetzung: Welcher Ausbau ist wirtschaftlich, ökologisch und gesellschaftlich tragfähig, welche Absatzpartner und Abnahmevereinbarungen werden benötigt und mit welchen Etappen lässt sich das Vorhaben umsetzen?
Die geplante Studie ist weder eine Wiederholung des BLW-Berichts von 2017 noch der Wertschöpfungsanalyse von 2018 oder der Koordinationsstudie von 2020. Es baut auf ihnen auf, aktualisiert ihre Daten und verbindet sie erstmals mit konkreten Ausbau-, Investitions-, Risiko- und Umsetzungsszenarien.
4.Sieben miteinander verbundene Prüfdimensionen
- 1Technik und Produktion
- 2Ökologie und Ressourcen
- 3Betriebs- und Volkswirtschaft
- 4Markt und Wertschöpfungskette
- 5Soziales und Akzeptanz
- 6Governance, Recht und Förderung
- 7Risiko, Resilienz und Monitoring
Die sieben Dimensionen werden durch ein gemeinsames Indikatorenset, einheitliche Datenstandards, unabhängige wissenschaftliche Leitung und einen Peer-Review-Prozess verbunden. Die Finanzierung darf Methodik und Ergebnisse nicht beeinflussen.
5.Systemische Diagnose: Es fehlt die verbindende Wechselwirkung
Die Importabhängigkeit ist nicht allein eine Frage der Produktionsmenge. Sie ist Ausdruck eines Systems, in dem sich Angebot, Nachfrage, Kapital, Wissen und politische Rahmenbedingungen zu wenig gegenseitig verstärken. Ohne gemeinsame Ziele entstehen keine gemeinsamen Investitionen. Ohne verlässliche Daten entsteht keine Planungssicherheit. Ohne koordinierte Absatzentwicklung bleibt Wachstum für einzelne Produzenten riskant.
| Effekt | Ist-Zustand | Soll-Zustand |
|---|---|---|
| Komplementarität | Die Wertschöpfungskette ist fragmentiert. Jeder Akteur optimiert für sich; das Gesamtsystem bleibt unter seinem Potenzial. | Die Wertschöpfungskette wird koordiniert entwickelt. Produktion, Verarbeitung, Handel, Nachfrage und Marktvolumen stärken sich gegenseitig. |
| Reziprozität | Die wirtschaftlichen Erträge des Schweizer Fischkonsums fliessen überwiegend ins Ausland. Nutzen und Risiken sind unausgewogen verteilt. | Jeder zusätzliche Kauf von Schweizer Fisch stärkt Produzenten, Verarbeitung, Arbeitsplätze, Investitionen, Steuereinnahmen und Versorgungssicherheit. |
Tabelle seitlich scrollbar.
Einfach ausgedrückt: Zusammenarbeit schafft Wettbewerbsfähigkeit.
6.Rolle der Initiative und der geplanten Genossenschaft
Die Initiative «Blaue Landwirtschaft Schweiz» versteht sich nicht als Ersatz bestehender Organisationen. Sie soll vorhandene Kompetenzen verbinden, Lücken sichtbar machen und aus Wissen gemeinsame Wirkung erzeugen. Die geplante Genossenschaft ist das gemeinsame Träger- und Governance-Instrument, nicht das Endziel. Langfristig soll daraus ein nationaler Kompetenz-, Innovations- und Umsetzungscluster für die Schweizer Fisch- und Aquatikwirtschaft entstehen.
Die fachliche Leitung der Tragfähigkeitsstudie muss unabhängig erfolgen. Produzenten, Marktpartner, Behörden und Finanzierungsinstitutionen liefern Daten, Praxiserfahrung und Fragestellungen, dürfen die Ergebnisse jedoch nicht vorbestimmen. Eigentum, Veröffentlichung, Peer Review und Umgang mit Interessenkonflikten sind vor Studienbeginn verbindlich zu regeln.
7.Der erste gemeinsame Schritt
Die erste Aufgabe ist nicht der Bau einzelner Anlagen, sondern die Erstellung der unabhängigen Tragfähigkeitsstudie sowie eines Präventions- und Notfallplans. Diese Grundlagen sollen zeigen, was realistisch machbar ist, wo Investitionen sinnvoll sind und welche Voraussetzungen zuerst geschaffen werden müssen.
Darauf aufbauend entstehen verbindliche Entwicklungsschritte:
- gemeinsame Ziele und priorisierte Entwicklungspfade.
- koordinierte Marktkommunikation und nationale Absatzförderung.
- digitale Daten-, Vermarktungs- und Matchmaking-Strukturen.
- Vermittlung und Bündelung von Investitionen.
- gemeinsame Markt-, Bildungs- und Innovationsprojekte.
- jährliches Wirkungsmonitoring mit transparenten Indikatoren.
Die Initiative beansprucht nicht, die Antwort bereits zu kennen. Ihre Legitimation liegt darin, die richtige nationale Frage zu stellen, vorhandenes Wissen zusammenzuführen und eine unabhängige Entscheidungsgrundlage für Produzenten, Investoren, Marktpartner und öffentliche Hand zu schaffen.
8.Erwarteter Nutzen
Für Produzenten
Planungssicherheit, realistische Skalierungspfade und bessere Marktkoordination.
Für Investoren
Belastbare Annahmen zu Markt, Risiken, Technologie, Wirtschaftlichkeit und Wirkung.
Für die öffentliche Hand
Eine unabhängige Grundlage für Förderung, Regulierung, Vorsorge und Versorgungspolitik.
Für Gesellschaft und Umwelt
Mehr Transparenz über Herkunft, Ressourcenverbrauch, Tierwohl, Akzeptanz und Resilienz.
Die Schweiz hat in den vergangenen zehn Jahren viel Wissen geschaffen. Jetzt geht es darum, dieses Wissen in eine gemeinsame Richtung, belastbare Entscheidungen und konkrete Umsetzung zu übersetzen. Die Tragfähigkeitsstudie ist der notwendige Übergang von wertvollen Einzelgrundlagen zu einer national tragfähigen Entwicklungsstrategie.
Quellen und fachliche Grundlagen
Auswahl der im Positionspapier erwähnten schweizerischen Arbeiten und Institutionen. Abruf und Prüfung: 24. August 2026.
- Bundesamt für Landwirtschaft BLW (2017): «Fische und Landwirtschaft – Bericht zur möglichen Entwicklung der Fischhaltung auf landwirtschaftlichen Betrieben». Nachweis und Einordnung über die Koordinationsstelle Aquakultur Schweiz. Quelle öffnen (öffnet in neuem Fenster)
- Hidber, E.; Janssens, T.; Pidoux, M.; Götze, F. (2018): «Schweizer Fisch: Analyse der Wertschöpfungskette». Agrarforschung Schweiz 9 (10), 356–363. Quelle öffnen (öffnet in neuem Fenster)
- Götze, F.; Hidber, E.; Janssens, T. (2018): «Fischkonsum: Motive und Kaufbarrieren». BFH-HAFL / Alimenta. Quelle öffnen (öffnet in neuem Fenster)
- Janssens, T.; Regazzoni, L.; Tschudi, F. (2020): «Aufbau einer Koordinationsstelle für die Schweizer Aquakultur». BFH-HAFL und ZHAW, im Auftrag des BLV; Policy Brief zum 96-seitigen Bericht. Quelle öffnen (öffnet in neuem Fenster)
- BFH-HAFL (2021–2023): «Aufbau einer Koordinationsstelle für die Schweizer Aquakultur (Folgeprojekt)», Projektleitung Thomas Janssens, Partner ZHAW, Förderung durch die Schweizerische Eidgenossenschaft. Quelle öffnen (öffnet in neuem Fenster)
- Itten, R.; Stucki, M. (2022): «Ökofaktoren für marine Fischressourcen in Ökobilanzen». ZHAW im Auftrag des Bundesamts für Umwelt BAFU. Quelle öffnen (öffnet in neuem Fenster)
- ZHAW, Forschungsgruppe Aquakultursysteme: laufende Projekte, Publikationen sowie Aus- und Weiterbildung zu Aquakultur, Aquaponik, Kreislaufanlagen, Ressourcen und Tierwohl. Quelle öffnen (öffnet in neuem Fenster)
- Koordinationsstelle Aquakultur Schweiz: Informationsportal für Interessierte, Betriebe und Behörden sowie neutrale Vernetzungsplattform. Quelle öffnen (öffnet in neuem Fenster)
Diese Quellenliste ist bewusst auf die genannten Schlüsselarbeiten konzentriert. Die Tragfähigkeitsstudie wird zusätzlich die vollständige aktuelle Literatur, Statistiken, kantonalen Grundlagen, Praxisdaten und internationale Vergleichsfälle systematisch erfassen.
